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Der Schrei!

Wollte Edvard Munch mit dem Schrei auf sich aufmerksam machen? Der Welt verkünden, dass ein Künstler nicht aus Stein ist, dass er sehr stark empfindet, was um ihn herum geschieht? Dass er alle Vorkommnisse aufsaugt? Ein Prozess, der unerträglich werden kann. Die Spannungen, denen wir ausgesetzt sind, können ihn nicht kalt lassen. Sensible Menschen sind äußerst anfällig, wenn sie von Gewalt und Willkür umringt sind. Sie fühlen sich wie Verletzte, die im Stich gelassen werden. Um sich diesem Zustand zu entziehen, haben sie nur die Wahl, ihre Gefühle nach außen auszudrücken. Wie Pablo Picasso als er Guernica malte. Die Legion Condor hatte während des Spanischen Bürgerkrieges, im April 1937, diese baskische Stadt einfach aus der Luft vernichtet. Zahlreiche Zivilisten, darunter Frauen und Kinder, wurden ermordet. Diese Tragödie konnte nicht einfach unter dem Motto: „Es ist halt Krieg“, weggesteckt werden. Der Grund, warum Picasso seinen Schmerz, seine Trauer und seine Wut in dieser Wandmalerei zum Ausdruck brachte. Ein politisches Manifest, das nur ein Künstler derart darstellen kann.

Nein, ein Maler kann sich nicht der Politik entziehen! Er darf nicht einfach in ein schöngeistiges Niemandsland flüchten, so tun, als ob ihn das Geschehen nichts anginge. Gerade die Kunst der Gegenwart muss Widerstand zeigen, wenn Ungerechtigkeit aufkommt. Sie muss Stellung nehmen! Da nützt kein akademisches Geschwätz, es geht darum, seine Meinung offensiv zu vertreten. Der Maler kann nicht neutral bleiben! Warum? Weil Gefühle nicht fein dosiert auf einer Waage landen dürfen. Sie sind die Essenz der Kreativität und als solche sehr stark von einer generellen Stimmung abhängig. Ohne den Schrei, kann der Kreative nicht bestehen. Die Anpassung ist für ihn Gift und tötet letztendlich sein Werk. Auch bei den Abstrakten spürt man ob jemand es ehrlich meint oder nicht. Antoni Tàpies hat dies auf eine eindrucksvolle Art bewiesen. Der Betrachter fühlt sich angesprochen, irgendwie verpflichtet, Stellung zu beziehen. So sollte es sein! Egal, wie das empfunden wird. Wichtig ist, Reaktionen hervorzubringen. Das tut – ohne Zweifel – Klaus Stein. Egal, was jeder Einzelne von seinen Bildern hält, er kann nicht einfach umgegangen werden. Er zwingt uns zum Nachdenken!

Die Malerei ist ein Spiegel der Gesellschaft, aber nicht nur. Sie hat auch die Aufgabe Themen aufzugreifen, die für jeden von uns relevant sind. Das tut sie nicht allein mit Worten, sondern mit Formen, Strichen, Farben oder durch Installationen. Sie darf nicht schriftlich erklärt werden, da sie in erster Linie nicht den Intellekt anspricht. Das Herz steht im Mittelpunkt und darf nicht „zerredet“ werden. Mit Symbolen soll ein Werk uns zum Nachdenken zwingen und das durchaus auch in einer realen Darstellung unseres Unbehagens. Egal wie, es kommt auf das Ergebnis an. Der Künstler streckt die Hand aus – jeder ist frei, die Einladung anzunehmen oder nicht. Wenn er das tut, gehört er zu einer Seelengemeinschaft, die einiges bewirken kann. Das ist das Ziel, dass erreicht werden soll. Klaus Stein und seine Freunde sind Kommunikatoren, die eine Öffentlichkeit benötigen, um bestehen zu können. Klar, sie provozieren auch, aber das allein im Interesse des Gemeinwohles. Sie suchen in jedem von uns den Mensch – keine Wesen, die sich völlig angepasst haben. Hier kommt die wahre Bedeutung der Kunst zum Ausdruck. Die Suche nach einer Identität, der Unabhängigkeit, auch wenn sie eine Illusion ist. Wie Sisyphus rollen sie immer einen Stein bis zum Gipfel des Berges, egal ob sie sich bewusst sind oder nicht, dass dies niemals erreicht werden kann! Ein Zeichen des Lebens, des Willens, offensiv dem Schicksal zu begegnen. Das kann aber nur geschehen, solange sich der Künstler voll und ganz mit der Umwelt auseinandersetzt. Das tut Klaus Stein fast auf eine manische Art, aber er hat von Grund auf Recht, es zu tun. Die Menschen, denen seine Bilder begegnen, packt er an der Gurgel, zwingt sie, sich zu äußern. Das ist heute nicht jedem genehm, aber höchst bedeutsam. Merken wir nicht, dass wir unter der Belanglosigkeit einfach ersticken?

Ja, wir wollen, dass Klaus Stein schreit! Dass er uns wachrüttelt! Und das nicht nachträglich. Deshalb hat er sich mit seinen Freunden entschlossen, auf seine Art, im Wahlkampf zum Bundestag, aktiv zu sein. Mit provokativen Plakaten sollen die Themen, die uns alle bewegen, angesprochen werden. Mehr noch: ausgespuckt werden! Ein Maler hat die Freiheit, ohne Wenn und Aber, es zu tun. Das verpflichtet ihn. Das Ziel ist es, den Bürger in seinem Winterschlaf aufzurütteln, ihm das Bewusstsein zu vermitteln, dass ohne einen individuellen Widerstand nichts zustande kommen kann. Weiter so, Klaus Stein! Hier kommt es in erster Linie auf die Authentizität der Aussage an. Sehr viel weniger um die Ästhetik, die sehr viel verdeckt. Das Kunstwerk wird zum Schrei, zur Anklage. Es ist nicht seine Aufgabe, ausgewogen zu sein. Das hat Pablo Picasso bei Guernica bewiesen. Er sagt uns, dass wir alle eine Schuld tragen, wenn es zur Ungerechtigkeit kommt. Er spricht genauso die Täter als auch diejenigen an, die wegschauen. Er hat somit der Kunst eine wahre Dimension gegeben. Ihr die Macht verliehen, uns zu bewegen. Nein, auch wenn nur eine kleine Gemeinde sich wirklich angesprochen fühlt, ist das nicht vergebens. Das zeigt einen tiefen Respekt für die Betrachter, sie werden als verantwortungsvolle Menschen angesehen – nicht als Geräte, die nach ihrem Verbrauch, ausgemustert werden. Keine Nummern, die verwechselbar sind. „Äh, ich habe dich persönlich angesprochen! Gebe deinen Senf dazu!“. Schon dieser Aufruf nach mehr Zivilcourage, ist die Basis für mehr Hoffnung. Seien wir aber nicht naiv: Die Meisten unter uns finden das unbequem. Schon diese Tatsache ist Grund genug, sie zu zwingen sich selbst im Spiegel anzuschauen. Gibt das die wahre Dimension der Kunst? Wenn ja, befindet sich Klaus Stein auf dem richtigen Pfad, der der Agitation.

Pierre Mathias, März 2013

Link zum Thema engagierte Kunst:

http://www.arndtberlin.com/website/media/artists/Hirschhorn/Thomas_Hirschhorn_-_Was_heisst_Kunst_politisch_machen.pdf

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