{"id":677,"date":"2014-10-23T13:23:03","date_gmt":"2014-10-23T11:23:03","guid":{"rendered":"http:\/\/gegenstein.de\/?p=677"},"modified":"2014-11-03T15:30:13","modified_gmt":"2014-11-03T13:30:13","slug":"interview","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gegenstein.de\/?p=677","title":{"rendered":"Interview"},"content":{"rendered":"<p><strong>Interview mit dem K&uuml;nstler und Maler Klaus Stein<\/strong><br \/>\n\t<strong>gef&uuml;hrt von Pierre Mathias<\/strong><\/p>\n<p>\tKlaus Stein und seine Frau haben ihre Klamotten gepackt, der Stadt M&uuml;nster den R&uuml;cken gekehrt und sich in einem Dorf an der polnischen Grenze niedergelassen. War das der Wille, einmal etwas ganz anderes zu erleben und sich mit der Natur auseinander zu setzen? Genauso radikal wie in seinen Bildern hat Klaus sich entschlossen, der westlichen Zivilisation den R&uuml;cken zu kehren. Aus Protest oder aus der Erkenntnis, dass sie in einer Sackgasse steckt? Es ist f&uuml;r ihn zu fr&uuml;h, sich eine Meinung zu bilden, sehr wahrscheinlich wird sie eines Tages in seinen Bildern zum Ausdruck kommen. Hier zuerst seine ersten Eindr&uuml;cke. <\/p>\n<p>\tWas war der Grund, dich in einer sehr einsamen Gegend niederzulassen? <a href=\"http:\/\/gegenstein.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Schwanensee8x.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" align=\"left\" alt=\"Schwanensee\" class=\"size-thumbnail wp-image-685\" height=\"150\" hspace=\"9\" src=\"http:\/\/gegenstein.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Schwanensee8x-150x150.jpg\" title=\"Schwanensee8x\" vspace=\"9\" width=\"150\" \/><\/a><\/p>\n<p>\t&nbsp;&nbsp; <em>Eigentlich wollte ich nach El Hierro, auf die Kanaren, nun bin ich im Osten, in Reicherskreuz gelandet. Vorrangig war es wohl der Wunsch nach Ver&auml;nderung, mehr noch: Die Suche nach etwas Neuem, etwas grunds&auml;tzlich Anderem und nach etwas, das andere nicht tun, so wie ich regelm&auml;&szlig;ig gegen den Strom zu schwimmen. Der Osten zog mich immer schon an und jetzt erlebe ich ihn, wie er wirklich ist und nicht aus den Medien, denen ich sowieso nicht traue. Und zu Recht, wie ich jetzt schon sagen kann. <br \/>\n\t<\/em><br \/>\n\tIst diese Region noch heute von der Ex-DDR gepr&auml;gt? Wenn ja, was kann ein Wessi daraus lernen? <!--more--><\/p>\n<p>\t&nbsp;<em>&nbsp; Immer, egal wann und wo ich unter Menschen bin, wird &uuml;ber die DDR und die Wende geredet, dieses Thema wird wohl in 100 Jahren noch nicht durch sein. Nach dem ersten Freudentaumel folgte j&auml;h die Ern&uuml;chterung. Die alten Strukturen wurden zerschlagen, egal, ob gut oder schlecht, wie die Konsum-L&auml;den zum Beispiel. Sie waren &uuml;berall, auch in jedem kleinen Dorf erreichbar und Dinge, die man brauchte, bestellte man und holte sie am n&auml;chsten Tag. Das Angebot war durch gute Beobachtung auf die Kunden zugeschnitten. Gem&uuml;se und Obst waren im eigenen Garten oder Obst an den Stra&szlig;en und Wegen vorhanden und wurde untereinander ausgetauscht. Heute muss man weit zu den Superm&auml;rkten fahren &#8230; und was ist mit den vielen alten Menschen in den D&ouml;rfern, die nicht fahren k&ouml;nnen? Das finnische Schulsystem, das wir so bewundern, entspricht in etwa dem der DDR. Mit dem Westlichen ist man hier nicht zufrieden, was ja auch im Westen so ist&hellip; ich k&ouml;nnte endlos fortfahren. Viele sagen, Reisefreiheit ist toll, wenn man Kohle hat &#8230; und die bl&ouml;den, nicht vorhandenen Bananen? Man ist ja kein Affe. <a href=\"http:\/\/gegenstein.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Home17x.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" align=\"right\" alt=\"Home\" class=\"size-thumbnail wp-image-684\" height=\"150\" hspace=\"9\" src=\"http:\/\/gegenstein.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Home17x-150x150.jpg\" title=\"Home17x\" vspace=\"9\" width=\"150\" \/><\/a>Wir sollten schnell begreifen, dass wir nicht die heldenhaften Retter unserer armen, hilfsbed&uuml;rftigen Br&uuml;der und Schwestern aus dem Osten sind. Ein Umdenken findet hier statt. Es werden wieder Obst und Gem&uuml;se und nat&uuml;rlich Pilze untereinander ausgetauscht. Man sucht wieder nach den alten Freunden. Auch in den Lebensmittelketten bekommt man Gem&uuml;se aus der Nachbarschaft, davon profitiere auch ich und mir ist wieder einmal klar geworden, dass nichts zerst&ouml;rt werden sollte, von dem man keine Ahnung hat. <\/em><\/p>\n<p>\tWie empfindest du die Menschen im Dorf?<\/p>\n<p>\t&nbsp;&nbsp; <em>Hier leben mit uns 56 Menschen. Mit einigen sind wir schon befreundet, andere kennt man beil&auml;ufig. Eine echte Gemeinschaft ist das Dorf nicht mehr, aber alle Reicherskreuzer sind sehr hilfsbereit und meist zum Gespr&auml;ch aufgelegt, auch und besonders zu ernsteren Themen. Wenn allerdings ein Dorfteich angelegt wird und auch bei dessen Pflege, helfen alle mit. Die Dorfbewohner haben gemeinsam entschieden, dass sie keine Asphaltstra&szlig;e im Dorf haben wollen. Kurzerhand hat man das Pflaster aus dem Nachbarort geholt (die wollten eine Teerstra&szlig;e) und hat es gemeinsam im Dorf verlegt. <\/em><\/p>\n<p>\tDu warst bisher ein urbaner K&uuml;nstler, wie kommst du mit der Einsamkeit einer abgelegenen Gegend zurecht? <a href=\"http:\/\/gegenstein.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Heide12x.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" align=\"left\" alt=\"Heide\" class=\"size-thumbnail wp-image-683\" height=\"150\" hspace=\"9\" src=\"http:\/\/gegenstein.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Heide12x-150x150.jpg\" title=\"Heide12x\" vspace=\"9\" width=\"150\" \/><\/a><\/p>\n<p>\t&nbsp;&nbsp;<em> Man sagt, Reicherskreuz sei das Ende der Welt. Hier ist es totenstill und ich liebe das. Sobald man das Dorf verl&auml;sst, ist man in der Heide und im Wald und vor allem allein, wirklich ganz allein und man begegnet niemandem, wo hat man das schon? Das ist Luxus!!! <\/em><\/p>\n<p>\tIst dein neuer Wohnsitz eine Quelle der Inspiration? <\/p>\n<p>\t&nbsp;<em>&nbsp; Es st&uuml;rmen eine Menge neuer Eindr&uuml;cke und Themen auf mich ein; f&uuml;r Bilder zu komplex. Das muss sich erst setzen. Ein Bild soll eh nur einen kleinen Teil eines Geschehens erfassen. Es muss in seiner plakativen Einfachheit den Betrachter so ber&uuml;hren, dass er mehr wissen will und das Gespr&auml;ch sucht. Am Ende steht immer das Wort, so sehe ich das. <br \/>\n\t<\/em><br \/>\n\tUnd die Natur? Willst du sie in deiner Malerei umsetzen? <\/p>\n<p>\t&nbsp;&nbsp;<em> Ich lebe hier in der Natur und genie&szlig;e es. Ob das in meine k&uuml;nstlerische Arbeit einflie&szlig;en wird, wei&szlig; ich noch nicht. <br \/>\n\t<\/em><br \/>\n\tW&uuml;rde das Wort Idylle zu deinem Dorf passen? <\/p>\n<p>\t&nbsp;&nbsp;<em> Das Dorf steht unter Denkmalschutz, da es aus Feldsteinh&auml;usern besteht. Es hat etwas von Astrid Lindgrens &quot;Die Kinder von Bullerb&uuml;&quot;. Wenn ich am Dorfteich sitze, bin ich gl&uuml;cklich. Hier gibt es Hufnasen-Flederm&auml;use, Adler und W&ouml;lfe, Heide und Seen, und als wir neulich abends mit unseren Nachbarn am Feuer sa&szlig;en, bl&ouml;kten 50 m weiter im Wald die br&uuml;nftigen Hirsche, das ist Idylle pur! Nicht zu vergessen unsere Stra&szlig;enlaternen, die das Dorf nachts in ein surreales Licht tauchen. Einiges erinnert mich an Vergangenes meines Heimatdorfes in den 60er Jahren, das hat sich allerdings &#8211; dank westdeutscher Gr&uuml;ndlichkeit gr&uuml;ndlich ge&auml;ndert. Hier ist es sch&ouml;n, wildromantisch und sehr besonders. <\/em><\/p>\n<p>\tIst dort Kummer zu sp&uuml;ren und wenn ja, wie w&uuml;rdest du ihn symbolisieren?<a href=\"http:\/\/gegenstein.de\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/KlausStein_Z1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" align=\"right\" alt=\"Klaus Stein\" class=\"size-thumbnail wp-image-334\" height=\"150\" hspace=\"9\" src=\"http:\/\/gegenstein.de\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/KlausStein_Z1-150x150.jpg\" title=\"Klaus Stein\" vspace=\"9\" width=\"150\" \/><\/a> <\/p>\n<p>\t&nbsp;&nbsp; <em>Viele Menschen sind hier arm, &auml;rmer, als vor der Wende. Die St&auml;dte und D&ouml;rfer schrumpfen und das Durchschnittsalter steigt. Wer jung ist und bleiben will, arbeitet in Berlin zu meist beschissenen Konditionen, die Alternative ist Polen. Dort sind die L&ouml;hne und Arbeitsbedingungen oft besser. Wenn einem Mindestlohn und Arbeitszeiten schei&szlig;egal sind, kann man sich auch selbstst&auml;ndig machen und von einem Auftrag zum andern retten. An eine positive Zukunft mag hier keiner so recht glauben. <br \/>\n\t<\/em><br \/>\n\tIst deine Kunst ortsabh&auml;ngig?<\/p>\n<p><em>&nbsp;&nbsp; Nein! <br \/>\n\t&nbsp;&nbsp; <\/em><br \/>\n\tF&uuml;hlst du dich dort freier als in der Vergangenheit? <\/p>\n<p>\t&nbsp;&nbsp; <em>Schon die geringe Bev&ouml;lkerungsdichte ist befreiend. Zu lauschen, und wirklich nichts zu h&ouml;ren, au&szlig;er den eigenen Tinnitus, ist ebenfalls sehr wohltuend. In Beeskow unterhielt ich mich mit einer &auml;lteren Frau, die ich eigentlich nur nach dem Weg gefragt hatte, ca. 2 Stunden. Mit einem Fahrradfahrer, der mir in der Reicherskreuzer Heide begegnete, gar 4 Stunden. Hier trifft man auf freundliche, sehr offene Menschen, die sich &uuml;ber Gespr&auml;che freuen und sich Zeit nehmen. Das ist neu f&uuml;r mich und ja, das ist Freiheit! <br \/>\n\t<\/em><br \/>\n\t<strong><a href=\"http:\/\/www.tool4spirit.de\"><br \/>\n\t&copy; tool4spirit.de<\/a><\/strong><br \/>\n\t&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit dem K&uuml;nstler und Maler Klaus Stein gef&uuml;hrt von Pierre Mathias Klaus Stein und seine Frau haben ihre Klamotten gepackt, der Stadt M&uuml;nster den R&uuml;cken gekehrt und sich in einem Dorf an der polnischen Grenze niedergelassen. War das der Wille, einmal etwas ganz anderes zu erleben und sich mit der Natur auseinander zu setzen? 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