{"id":463,"date":"2013-06-13T08:02:52","date_gmt":"2013-06-13T07:02:52","guid":{"rendered":"http:\/\/gegenstein.de\/?p=463"},"modified":"2013-06-13T08:03:56","modified_gmt":"2013-06-13T07:03:56","slug":"das-dilemma-der-politischen-malerei","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gegenstein.de\/?p=463","title":{"rendered":"Das Dilemma der  politischen Malerei"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das Dilemma der politischen Malerei<\/strong><\/p>\n<p>\tVor ein paar Tagen ist Willi Sitte im Alter von 92 Jahren gestorben. Er engagierte sich f&uuml;r den Kommunismus. Als Sohn einer Bauernfamilie aus dem B&ouml;hmischen Kratzau, dem heutigen Chrastava, wurde er 1939 von der Hermann-G&ouml;ring-Schule f&uuml;r Malerei in Kronenburg in der Eifel als Sch&uuml;ler akzeptiert. Er &uuml;bte Kritik gegen die Ausbildungsmethoden und wurde daf&uuml;r zur Strafe an die Ostfront und dann nach Italien geschickt. Sitte desertierte und schloss sich den Partisanen an. 1946 kehrte er nach Deutschland zur&uuml;ck &#8211; in die sowjetische Besatzungszone. Mit seinen Regime-freundlichen Malereien erntete er bei den Machthabern schnell Anerkennung. Von 1974 bis 1988 war Sitte Pr&auml;sident des Verbandes bildender K&uuml;nstler der DDR, Volkskammerabgeordneter und letztendlich sogar Mitglied des ZK des SED. Auch bei der Stasi hat er mitgemischt. Das zu seiner Biographie.<\/p>\n<p><!--more-->Sittes Bilder sind gepr&auml;gt vom sozialistischen Realismus. Sie beschreiben die Arbeiterwelt auf eine wuchtige Art &#8211; viel K&ouml;nnen f&uuml;r ein zweifelhaftes Ziel. Hier hat sich ein K&uuml;nstler kritiklos untergestellt und hat &#8211; ohne Vorbehalte zu &auml;u&szlig;ern &#8211; ein willk&uuml;rliches System unterst&uuml;tzt. Als B&uuml;rger h&auml;tte er sehr schnell merken m&uuml;ssen, dass in der DDR die Menschenrechte verletzt wurden. Er hat zwar f&uuml;r mehr Gerechtigkeit der Armen pl&auml;diert, sich aber nicht gescheut, mit den Regime-Bonzen gemeinsame Sache zu machen. Das widerspricht total dem Freigeist der Kunst. <\/p>\n<p>\tPolitische Kunst bedeutet keineswegs Anpassung, im Gegenteil! Eine eigene Meinung zu vertreten ist eine Sache, sie nicht zu hinterfragen, eine andere! So gesehen kann es keine Entwicklung geben, auch nicht in der Ausdruckskraft. Willi Sitte hat auch erotische Bilder gemalt &#8211; im krassen Widerspruch zu der pr&uuml;den und spie&szlig;igen Haltung der ZK-Bonzen. Wenn das aber als Protestaktion eingestuft wird, kann man nur l&auml;cheln. Nein, er hat sich angepasst, hat den demokratischen Sozialismus, wie wir ihn verstehen, verraten!<\/p>\n<p>\tHofmaler hat es immer geben. Dazu geh&ouml;ren Weltmaler wie Frederico Velasquez. Sie haben die Obrigkeit verewigt, aber ohne in das System einzugreifen. Ganz anders Francisco de Goya, der die Willk&uuml;r und die Grausamkeit des Krieges auf eine ergreifende Art gemalt hat. Ein schriller Appell gegen die Ungerechtigkeit. So soll sich ein K&uuml;nstler &auml;u&szlig;ern, wenn er gesellschaftlich und politisch motiviert ist. Er kann nicht neutral bleiben, muss ein Outsider bleiben. <br \/>\n\tKlaus Stein hat diese Option gew&auml;hlt. Keine angenehme, aber heute eine wichtigere denn je. Als Maler h&auml;lt er seine Augen f&uuml;r das Geschehen offen und &uuml;bertr&auml;gt seine pers&ouml;nliche Meinung auf die Leinwand. Und das ohne Schadensbegrenzung, was seine Karriere betrifft. Geistige Handschellen wirft er energisch ab, das ist er sich als freier Mensch schuldig! Wenn K&uuml;nstler sich anpassen, untergraben sie mehr als andere die Demokratie. Warum? Weil sich die Kunst nur durch Freiheit entwickeln kann und Anpassung t&ouml;tet letztendlich jede Art von Kreativit&auml;t. <\/p>\n<p>\tViele Maler haben sich entschieden, die Politik beiseite zu legen, weil sie einfach nicht die Kraft haben, sich mit ihr auseinander zu setzen. Das ist v&ouml;llig legitim &#8211; mehr noch, anst&auml;ndiger, als sich der Gewalt der Regierenden unterzuordnen. Dennoch: es scheint heute sehr fraglich, wenn ein Kreativer sich derart absondert. K&uuml;nstler leben nicht &bdquo;im Abseits&ldquo;, sie sind Teil der Gesellschaft und k&ouml;nnen nicht so tun, als ob das Geschehen sie nichts anginge. Die Motive, die sie verewigen, m&uuml;ssen nicht unbedingt erkennbar sein, aber sie m&uuml;ssen die generelle Stimmung wiedergeben. Sie brauchen nicht parteipolitisch einzugreifen, aber k&ouml;nnen auch nicht einfach wegschauen, wenn Ungerechtigkeit zum Alltag wird. Aber sie sollten dem Beispiel von Willi Sitte nicht folgen, dem es besser bekommen w&auml;re, mehr erotische Bilder zu malen. <\/p>\n<p>\tZugeben, das ist eine Gratwanderung, die oft schwer einzuhalten ist. Eines aber sollten alle K&uuml;nstler wissen: es wird immer wieder der Versuch unternommen, sie einzubinden, sie zu pervertieren, sie mit Geld und Ruhm zu k&ouml;dern. Bei dem kleinsten Nachgeben, ist es schon zu sp&auml;t. <\/p>\n<p>\tLieber hungern, als geistig zu vertrocknen, sollte die Devise sein!<\/p>\n<p>\n\ttool4spirit, Juni 2013<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Dilemma der politischen Malerei Vor ein paar Tagen ist Willi Sitte im Alter von 92 Jahren gestorben. Er engagierte sich f&uuml;r den Kommunismus. Als Sohn einer Bauernfamilie aus dem B&ouml;hmischen Kratzau, dem heutigen Chrastava, wurde er 1939 von der Hermann-G&ouml;ring-Schule f&uuml;r Malerei in Kronenburg in der Eifel als Sch&uuml;ler akzeptiert. 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